
Kronstädter Rathausuhr
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Rathausuhr in Kronstadt
Ich habe mich gefreut als ich den Bericht über den Austausch 2010 der Rathausuhr in Kronstadt in der SbZ und NKZ gelesen
habe. Besonders lustig fand ich es das bei der großen internationalen Sängerveranstaltung "Der goldene Hirsch" jemand im
Turm gesessen ist und die Zeiger der Uhr jede Minute mit der Hand weitergedreht hat, damit die ausländischen
Fernsehreporter nicht eine stehende Rathausuhr filmen würden.
Eine kleine Ergänzung und Richtigstellung zu der Behauptung das die Rathausuhr in den 50ger Jahren nicht funktionierte
und „Das Werk öfters unsachgemäß umgebaut wurde." Über letzteres hat mir die Familie Klaus und Krista Keitel aus
Schwäbisch Hall die das Uhrwerk 2010 ausgetauscht haben keinen Angaben geben können.
Die Rathausuhr funktionierte in den 50er Jahren!
Einen Umbau, den ersten, habe ich in den 50er Jahren durchgeführt.
Ein zweiter erfolgte 1960.
Von 1958 verdiente ich meinen Lebensunterhalt als Uhrmacher in der Cooperativa Technica in Kronstadt in der
Michael - Weiß - Gasse. Wir waren damals 7 Uhrmacher in der Werkstatt. 5 Sachsen, ein Armenier, eine Ungarin für die
Abrechnung und zwei Juden. Der eine von ihnen war der Geschäftsführer. Jeder von uns musste täglich 3-5 Uhren reparieren
um prozentanteilig sein tägliches Brot zu verdienen. Das heißt, dass über 30 Uhren pro Tag ein und aus gingen. Heute
ist das Uhrmacherhandwerk fast ganz ausgestorben. Nur antike und sehr teure Uhren werden repariert.

Eines Tages kam einer vom Sfat (Volksrat) und fragte ob da nicht jemand die Rathausuhr täglich aufziehen möchte. Dafür
seien 100 Lei im Monat vorgesehen. Horst König ein Mitarbeiter der zum Militär eingezogen worden war hatte es bis
dahin getan und nun stand sie. 100 Lei waren mein Wocheneinkommen, also griff ich zu. Gesagt, getan. Ja die Sache
hatte aber auch einen Pferdefuß. Im Rathaus befand sich das Stadtmuseum das täglich von 10 bis 18 Uhr außer Montag
geöffnet war. Das hieß dass jeden Sonntag Nachmittag bis 18 Uhr die Rathausuhr aufgezogen werden musste, die dann bis
Dienstag Vormittag ging.
Ich war 19 Jahre alt und hatte einen Freundeskreis. Wir kamen sonntags zusammen, gingen in die Berge und ich musste
immer etwas vor 18 Uhr im Rathausturm sein. Ich bekam keinen Hausschlüssel weil man durch das Museum in den Turm ging.
Herr Francisc Incze schrieb in der NKZ „ Das Werk wurde öfters unsachgemäß umgebaut“.
Was unsachgemäß umgebaut? Was erzielt?
Um eine Zeit machte ich mir Gedanken wie man das Aufziehen der 3 Zugseile der bald hundertjährigen Uhr: Gehwerk,
Stundenschlag und Viertelstundenschlag mit 3 Elektromotoren lösen könnte.
Problem theoretisch gelöst aber praktisch verschwiegen, weil mein Zusatzeinkommen dadurch weggefallen wäre. Dann fand ich
die Lösung: Ich tauschte die Zugseile und ihre Flaschenzüge untereinander aus. Von nun an ging sie nicht mehr nur 48
Stunden sondern 72 Stunden, so dass ich sie Sonnabend aufzog und erst Dienstag wieder.
Als ich 1959 zur Zwangsarbeit DGSM eingezogen wurde, hat mein Nachfolger den Aufzug der Uhr mit Elektromotoren
hergestellt und dafür eine Wohnungszuweisung, in der Zeit der großen Wohnungsnot, erhalten.
Rathaus, WC und Wohnungsnot.
Mein Freund Rolf Brenndörfer hatte nach der standesamtlichen Trauung, 1964 ein Zimmer in einer Wohnung auf der
Kornzeile zugewiesen bekommen. Bei Ihrer Hochzeit schenkte ich ihnen einen Samowar gefüllt mit 800 von der Bank
abgeholten 25 Bani Münzen.
Wozu? Das Zimmer hatte ein Waschbecken aber kein WC. So waren Sie gezwungen jedes mal hinüber ins öffentliche
Klo welches sich am Fuße des Rathausturmes befand (heute existiert es nicht mehr) zu pilgern und 25 Bani zu zahlen.
Aber nachts? Ja da wurde halt auf eine Zeitung ge… und in den nächsten Papierkorb am Marktplatz abgelegt.
Seinem Schwager, der mit Ehefrau in der Burggasse wohnte, ging es ebenso. Auch die mussten bis zum öffentlichem WC
im Rathausturm durch die Stadt pilgern und auch die Papierkörbe der Stadt benützen.
Schön war die Jugend.
Gut das sie so nicht wieder kommt.
Tauben
Mein Uhrmacherkollege Gerhard Groß erzählte mir, dass er sich furchtbar vor den Taubenkadavern geekelt hätte,
als er zum ersten mal zur Uhr im Rathausturm gestiegen ist.
Die oberen Geschosse waren Offen, so das die Tauben hereinfliegen konnten, sie als Brutplätze benützten
und dementsprechend auch verschmutzten. Dazu kam das viele Jungtauben durch die Treppenluke in das untere Stockwerk
fielen und krepierten, weil sie von den Taubeneltern nicht mehr gefunden und gefüttert wurden.
Nachdem ich das Aufziehen der Turmuhr übernommen hatte, reinigte ich die Stockwerke.
Eines Tages fand ich eine junge Taube in einem unteren Stockwerk und trug sie wieder hinauf. Es war verlorene
Liebesmüh, sie wurde nicht mehr gefüttert. Also teilte ich mit ihr die nächsten Wochen meine Jause. Sie wurde sehr
anhänglich. Mit der Zeit lehrte ich sie fliegen und freute mich das sie immer auf meiner Schulter oder Handrücken
landete.
Als ich dachte das sie nun gut fliegen könne und in die Freiheit müsse, nahm ich sie auf meine Schulter und ging
hinunter auf den Marktplatz. Sie machte keine Anstalten wegzufliegen. Ich warf sie in die Luft und wo landete sie?
Auf meiner Schulter. Nun gut, dann mache ich mich halt vom Rathaus nach Martinsberg, wo ich wohnte auf. Die Taube
wird unterwegs schon wegfliegen, dachte ich. Denkste, sie flog nicht weg und die Leute die mich mit der Taube, die
frei auf meiner Schulter thronte sahen, dachten wohl das ich mit meiner Taubendressur angeben wollte.
Zu Hause stellte ich sie meinen Eltern vor und sie bekam einen Platz in unseren Hühnerstall. In den nächsten Tagen,
wenn ich aus der Arbeit kam, hatten wir zwei unser Gaudi. Ich warf sie im Garten hoch und sie landete immer auf
meinem Kopf oder Schulter.
Es dauerte nicht lange und meine Mamma reklamierte: „Mit dem was die Taube frisst kann ich ein Huhn halten.“ Was tun?
Ja, in der Nachbarschaft hatte ein gewisser Gerhard Czelnai mehrere Tauben. Der nahm sie dann auf. Ich habe ihn
gesehen wie er durch die Gassen mit dem Fahrrad fuhr, wobei meine Taube frei auf der Lenkstange hockte. Mit der Zeit
hat sie sich dem hauseignem Taubenschwarm angeschlossen.
Einige Jahrzehnte später habe ich ihn auf die Taube angesprochen. Er hatte das, was für mich ein Ereignis war,
vergessen.
Unterirdisch.
1944 sah ich ein großes Loch am Rathausplatz, vom Rathaus Richtung Schwarze Kirche. Es hieß damals, dass da ein
deutscher Panzer in einen geheimen Gang eingebrochen ei.
Über das Museum im Rathaus hätte ich noch manches zu berichten. Vielleicht ein anderes mal.
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