Diktaturen sind in ihrer vielschichtigen Brutalität erfinderisch. Am 5. März 1959 – vor genau
50 Jahren – wusste keiner der Mitfahrenden in einem Personenzug ins Banat, dass wir das letzte
Kontingent derjenigen waren, die ihren Militärdienst als Zwangsarbeiter erleben mussten. Die DGSM,
d.h. Directia Generala a Serviciului Muncii de pe lânga Consiliul de Ministri al R.P.R. /
Generaldirektion der Arbeitseinheiten beim Ministerrat der Rumänischen Volksrepublik nahm uns in
Ihre starken Arme. Wer waren wir, die wir dahin fuhren? Wie kam es dazu, dass so viele im Zug
deutsch redeten?
1939 waren drei Brüder meines Vaters mit ihren Familien im Rahmen der „Heim ins Reich“-Umsiedlungsaktion
nach dem Hitler-Stalin-Pakt nach Deutschland umgezogen. Nun, 20 Jahre danach wurde ich als Neffe
dieser Auswanderer vom kommunistischen Regime mit 2 Jahren Zwangsarbeit bestraft. Zwar mussten
meine Verwandten seinerzeit in Deutschland auch im Lager schuften und waren NS-Repressalien
ausgesetzt, aber das interessierte die rumänischen Kommunisten 1959 nicht. Nach 1945 war man
als Deutscher sowieso eine Art Freiwild: Nach der Kapitulation Rumäniens wurde die deutsche
arbeitsfähige Zivilbevölkerung zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert, über 12% sind
in russischer Erde geblieben. Es folgte die Totalenteignung, Lager und Zwangsarbeit, Entrechtung,
Aberkennung der bürgerlichen Rechte, kommunistische Unterdrückung. Rumänen, Ungarn, Juden, Serben,
Kroaten, Bulgaren, Türken, Rumäniendeutschen alle mit Verwandten im Ausland, hatten dasselbe Los.
Ebenso diejenigen, deren Familie vor 1945 ein Privatunternehmen hatte und nun als ehemalige
Ausbeuterfamilie eingestuft wurde oder junge Männer, in deren Familien jemand früher politisch
tätig oder in die Mühlen der politischen Justiz geraten war. Einige Ungarn gelangten zur
Zwangsarbeit direkt aus politischen Gefängnissen. Die Freiheitsluft des Aufstands von 1956 in
Ungarn hatte sie hier in Rumänien mitgerissen. Dazu kamen Söhne aus Pfarrerfamilien aller
Konfessionen oder solche, die durch ihre religiöse Tätigkeit aufgefallen waren. Schließlich auch
Kriminelle, die eine Verurteilung mit Haftstrafe hinter sich hatten, Analphabeten, meist Zigeuner,
oder solche, die im regulären Militärdienst etwas verbrochen hatten und nun strafhalber in diese
Zwangsarbeitseinheiten, die somit den Charakter eines Strafbataillons hatten, versetzt wurden.
Die Mehrheit die hier Zwangsarbeit machen mussten waren Rumänen, gefolgt von Deutschen, Ungaren, Juden,
Zigeuner, und anderen Nationalitäten. Der Prozentsatz zu den im Lande lebenden Nationalitäten die aus
politischen Gründen hier schufteten waren wir Deutsche.
Die Arbeitsdienstjahre– von 1950 bis 1959 betrugen sogar 36 Monate – danach 24 Monate, wurden
offiziell als Wehrpflicht deklariert. Kahl geschoren, eine Handvoll DDT (Insektizide) auf kahl
geschorenen Kopf, unter die Arme und auf die Genitalien, wurden wir in die für diese Sondereinheiten
entwickelte „Uniform“ gesteckt. Deren Farbe war ein undefinierbares grau-blau, mit erdbraunen
Epauletten und Kragenspiegeln, Kennzeichen der „Gattung“ war ein auf der Achselklappe angebrachtes,
gleichschenkliges Dreieck, über dem sich ein Spaten und eine Spitzhacke kreuzten, Schnürschuhe,
Fußlappen, Keilhosen, Russen-hemd („Rubaschka“) ein Käppi, ein Gürtel aus Hanffasern, im Winter
eine abgesteppte Wattejacke („Pufoaica“) und abgesteppte Wattehosen, als Kopfbedeckung eine
Russenmütze mit Ohrenklappen. Die Unterwäsche wurde einmal wöchentlich gewechselt. Die
Offiziersuniform wich nur in der Farbe (mausgrau) von der des rumänischen Landheeres ab.
In der
zweiten Woche mussten wir den Fahneneid ablegen. Zwei aus unserer Einheit verweigerten ihn aus
religiöser Überzeugung, obwohl sie wussten, dass sie dafür ins Militärgefängnis kamen. Sie waren
erst 20 Jahre alt und haben bewusst 8 Jahre Militärgefängnis auf sich genommen, sollten sie nach
2 Jahren Kerker nicht den Fahneneid geleistet haben.
Untergebracht waren wir je nach Baustellen in Baracken, ehemaligen Lagerhallen u.ä. Eine Einheit,
der ich im Sommer 1959 angehörte, war von August bis Ende Oktober in einem ehemaligen Schafstall
am Feld „einquartiert“. Das Stroh des Daches, schützte uns nur vor dem Morgentau. Der Regen ging
gleich durch.
Der Monatssold eines Soldaten betrug 7,50 Lei (Wert von 7 frankierten Briefen)
und 10 Zigaretten pro Woche. Ein nicht genehmigtes Fernbleiben von 24 Stunden musste der Garnison
gemeldet werden und man wurde als Deserteur registriert. Das Ausbleiben von mehr als 3 Tagen wurde
mit Verurteilung und Einlieferung für 6 Monate ins Militärgefängnis bestraft. So etwas ist öfters
vorgekommen, zumal wenn die Braut nicht mehr warten wollte und einen anderen heiratete.
Die
Bewaffnung der 15.000 Mann bestand aus 10 Gewehren aus dem ersten Weltkrieg. Die Munition
wahrscheinlich auch. Die Torwache des Banater Kommandaments in Temeschwar verfügte über eines
davon. Mit dem Rest war die Wachmannschaft in Sackelhausen ausgerüstet, die die Deserteure bis
zur Einlieferung ins Militärgefängnis bewachte. Die obligaten Tag- und Nachtwachen aller Einheiten
hatten eine Eisenstange als „Waffe“. Damit sollte der Wachhabende auf eine aufgehängte
Schienenstange schlagen, wenn wir vom Feinde angegriffen worden wären. (Feind = Armee der
imperialistischen Westmächte). Auch wer in der Nacht 2 mal 2 Stunden Wachdienst hatte, musste am
folgenden Tag seine 10 Stunden arbeiten. In all diesen Jahren ist nicht eine Stunde militärische
Ausbildung durchgeführt worden. In den vorangegangenen Jahren wurden DRDM Soldaten auch in
Privatquartieren untergebracht (wie auch manche Zwangsarbeiter im Nazi-Deutschland).
Die Einheiten (Detachements) gliederten sich in Kompanien, denen 3-4 Züge (ein Zug = 40 Mann)
unterstanden. Jeder Zug setzte sich aus 4 Gruppen mit je 10 Mann zusammen. Die Einheiten waren
unterschiedlich groß, überschritten aber nur selten 1100-1200 Mann. Befehligt wurde ein
Detachement von einem Offizier im Rang eines Hauptmanns bzw. Majors. Seine zwei Stellvertreter
waren für politische Erziehung bzw. für das Kommando zuständig. Ferner gehörten dazu ein
Verwaltungsfachmann und ein Sanitätsoffizier, sowie wehrdienstpflichtige, von der Arbeit
befreite, politische Erzieher im Rang von Sergeanten oder Unterfeldwebeln. Nicht arbeitspflichtig
waren auch die Zugführer (Sergeanten), während die Gruppenführer (Korporale oder Gefreite) auch
arbeiten mussten. Jede der 5 Regionaldirektionen in Rumänien hatte 1960 die Stärke von 15.000 bis
20.000 Mann, woraus zu schließen ist, dass jährlich über 100.000 junge Männer in diesem Bereich
Zwangsarbeit leisteten. Politisch überwacht wurden alle DGM-Einheiten von ClOffizieren (Abwehrfach-leuten),
die der Securitate angehörten.
Außer dem leitenden General (uns 15.000 Mann im Banat befehligte
General Trifan) und den politischen Bildungsoffizieren, die Parteiaktivisten waren, waren auch die
Offiziere Strafversetzte. Oberst Crintea Eugen (gebürtig aus Zarnesti) z.B. war aus der Militärakademie
her versetzt worden, weil seine Mutter eine Wienerin war. Ein anderer, Major Tiberiu Grad, der als Jude
Auschwitz von innen gesehen hatte und beim Staatssicherheitsdienst zum Major aufgestiegen war, musste
zu uns ins Banat, weil seine Verwandten nach Israel ausgewandert waren. Leningrader Offizierschulabsolventen
wurden im Zuge des Erkaltens der rumänisch-russischen Beziehungen (und Spionageverdacht) her versetzt,
andere waren gewöhnliche strafversetzte Kriminelle.
Wir wurden für alle Arbeiten eingesetzt, für die man schwer Arbeitskräfte bekam, z.B. Reinigen von
Stadtabwasserkanälen, Bau von Kanälen für Bewässerungsanlagen und Reisplantagen, Flussbettvertiefen
im Winter (Reschitza) in Gummistiefeln (Frostbeulen an den Füßen waren an der Tagesordnung), bis zu
Arbeiten am Bau oder an Hochöfen. Andere wurden in der Petroleumförderung, Pipelinebau, zum
Streckenbau bei der Bahn, in Steinbrüchen, im Straßenbau und Bergwerken eingesetzt. Überall gab es
solche Einheiten. Jede Einheit hatte einen Verwaltungsapparat wie ein normales Unternehmen mit
Buchhalter, Kassier, Arbeitsnorm-Aufsteller usw. Dazu kam das Verpflegungspersonal und die
Offiziere in überwachender Stellung. Zwischen den Einheiten und den Unternehmen wurden
Arbeitsverträge mit Bezahlung ausgehandelt. Das Geld kassierte der Staat.
Unser Alltag verlief folgendermaßen: 5 Uhr aufstehen, 15 Minuten mit nacktem Oberkörper draußen
turnen (auch bei -20 Grad - es hat niemandem geschadet), danach waschen. 5:45 Frühstück: ein
Linsen-, Bohnen- oder Kartoffelgericht und Tee. 6:15 Abmarsch zur Arbeitsstelle. 7 Uhr
Arbeitsbeginn. 10 Uhr: 15 Minuten Jausenpause (Brot und Speck). 13-14 Uhr Mittagspause mit warmem
Essen aus dem Kessel. Nach 10 Arbeitsstunden um 18 Uhr Arbeitsende und Abmarsch in die Unterkünfte.
Abendessen 19:30: Ein Stück Brot, ein Stück Marmelade und eine Schale Chicoréekaffee, wie man
munkelte mit Brombeigabe. Für die Mahlzeiten waren in allen Einheiten 3.650 kcal vorgesehen.
Dennoch waren wir hungrig wie die Wölfe. Von 20 bis 21 Uhr Programm: Politische Bildung,
Marschieren in Kolonne, Appell usw. Um 22 Uhr wurde Zapfenstreich geblasen. Pro Jahr standen uns
12 Arbeitstage Urlaub zu.
An einem der ersten Tage belehrte uns der Militärrechtsanwalt, dass
„Nichterfüllung der Norm 3 Tage hintereinander als Befehlsverweigerung geahndet und mit 6 Monaten
Militär-gefängnis bestraft wird“. Die Norm betrug zwischen 6 und 8 Kubikmeter Erde (jäh nach Härte
des Bodens) die jeder täglich ausschachten musste.
Als der Winter hereinbrach, wurden die Einheiten,
die in der Landwirtschaft arbeiteten, aufgelöst. Diejenigen, die ein in der Industrie brauchbares
Handwerk hatten, wurden in die Industrie versetzt, die andern wurden entlassen und im Frühjahr
wieder eingezogen. Für die Bauernfamilien war das eine zusätzliche Belastung, da der Sohn,
Ehemann, oder junger Vater im Sommer kein Einkommen erwirtschaftet hatte und nun zusätzlich
mitgefüttert werden musste.
Durch den Drill war man in 2 Wochen ein gebrochener, gehorsamer,
unfreier, seelisch geknechteter, kommandogehorchender Mensch.
Besonders hart betroffen hat es die männliche deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeneration.
Aus der Kriegsgefangenschaft oder der Deportation zurückkehrten musten sie weitere 3 Jahre Zwangsarbeit
in Rumänien leisten mussten.
Die DGSM-Einheiten wurden im Januar 1961 aufgelöst – wohl auf internationalen Druck, da sie im
Westen als Zwangsarbeitslager eingestuft wurden. Wegen Arbeitskräftemangel wurde ein Großteil
des regulären Militärs nach 3 monatiger Waffenausbildung (später auch ohne) weiter als billige
Arbeitskraft an vielen Baustellen wie Donau-Schwarz-Meerkanal, Straßenbau durch die Karpaten und
andere eingesetzt, ohne dass die Wehrpflichtigen dafür einen Lohn erhielten. Erst zu Beginn der
90er Jahre hat diese Menschenausbeutung aufgehört.
Am 6. Juni 2002 erschien im rumänischen Amtsblatt (Monitorul Oficial) das Gesetz Nr. 309/2002
bezüglich der Anerkennung und Genehmigung persönlichen Rechte derer die im Rahmen der
Generaldirektionen für Arbeitsdienst ihren Wehrdienst in den Jahren 1950-1961 geleistet haben.
Zur Zeit bekommt jeder ehemalige DGSM-ler, der rumänischer Staatsbürger ist, aufgrund der
Bestimmungen dieses Gesetzes für jeden Monat, den er im Rahmen der DGSM gedient hat,
monatlich je 2,53 Lei (etwa 0,58 Euro). Witwen von ehemaligen DGSM-lern bekommen die Hälfte der
Summe, die ihren Ehegatten zustehen würde.