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Urzeln in Agnetheln



Dia-Tonmontage "Urzeln in Agnetheln"

Im Dezember 1979 hatte ich eine Audienz bei Dr. Eduard Eisenburger, Chefredakteur der Karpatenrundschau und Vertreter der Werktätigen deutscher Nationalität Rumäniens.

"Wo und was für besondere historisch gewachsene Kulturveranstaltungen haben wir Siebenbürger Sachsen?" war meine Frage.

Er war sehr erfreut, dass sich jemand dafür interessierte und keine Mühe und finanzielle Belastung scheute, um diese alten Bräuche, die seit 1969 wieder erlaubt waren, festzuhalten. Von meiner Aktivität hatte er schon einiges mitbekommen.

Es war eine interessante Unterredung, die mir in den folgenden Jahren manche Türen öffnete und gleichzeitig einen dünnen Schutzmantel, vielleicht auch nur in meiner Fantasie, darstellte.

Glaube macht stark und hilft Barrieren zu überwinden, selbst wenn nichts dahinter steckt.

Wenn es brenzlig wurde, gab ich an, dass ich von der Zeitschrift "Karpatenrundschau" und von der Monatszeitschrift "Volk und Kultur" geschickt worden sei. Von letzteren hatte mir Claus Stephani eine Bestätigung geschickt, die mir ebenfalls geholfen hat.

In Kleinschelken gab ich dem Informanten, der sich mir zu erkennen gab, die Telefonnummer von Dr. Eduard Eisenburger mit dem Vermerk, man solle sich dort nach mir erkundigen.

Zu meinem 60. Geburtstag ( in Deutschland) bekam ich einen Brief, darin jemand schrieb, der es wusste, dass ich viel gewagt und manchmal auf des Messers Schneide gestanden hätte.

So war halt die Zeit der Diktatur des Proletariates mit seinem nationalistischen Überhang und den letzten Zuckungen einer Volksgruppe, die Tag für Tag ihren Untergang vor Augen hatte.

Wir sahen, wie immer mehr Mischehen eingegangen wurden, was zum völkischen Substanzverlust der kleinen durch den Krieg und der Nachkriegszeit geschädigten Minderheit führte.

Dazu kam, dass der Staat zuerst die Juden, danach die Deutschen wie das Vieh verkaufte. Unter vorgehaltener Hand sagte man das es für Rumänien rentabler wäre Sachsen statt Schweine zu züchten

Letzter wollte keiner sein und so wuchs der innere Druck von Tag zu Tag.

Unter diesen Erkenntnissen musste ich so viel wie nur möglich Brauchtum sammeln und habe meinen den letzten Bani (Cent) dafür ausgegeben.

Agnetheln war im Wahlbezirk Dr. Eduard Eisenburgers.
Der Urzelnbrauch in Agnetheln war nach meinem Wissen die größte historisch gewachsene Fastnachtsveranstaltung Südosteuropas. Das musste festgehaltene werden.

Gefreut hat es mich, dass mir die Anfahrt und eine Übernachtung im Hotel, von der Wochenzeitung "Karpatenrundschau" finanziert wurde. Dafür lieferte ich ein Bild für die Zeitung.

Ein Urlaubstag musste herhalten. In Agnetheln angekommen, nahm ich Kontakt mit meinem ehemaligem Klassenfreund Karl-Heinz Gross auf, der hier Lehrer war und informierte mich über den Ablauf des Geschehens.



Am Abend ging ich zum Urzelnvater Friedrich Knall, wo die Reporter der "Banater Zeitung", "Neuer Weg" und “Die Woche“ eintrafen.



Die guten Krapfen, der gute Schnaps aus dem Maulbeerfässchen und der gute Wein der Familie bewirkten, dass wir, mit mehr Wissen über die Urzeln und ihrem Brauch beladen, nach einigen Stunden des fröhlichen Zusammenseins, im Seemannschritt zum Hotel wankten.

Ja, die Urzeln.
In einem Dokument aus dem Jahr 1689 soll erstmals ein „Mummenschanz der Zünfte“, ein Vorgänger der Urzeln, erwähnt sein, der beim Tragen der Zunftlade vom alten zum neu gewählte Zunftmeister geübt wurde. Dieses hat sich danach als ein Zunftbrauch entwickelt.

1910 haben sich alle Zünfte aus Agnetheln zusammengetan und das Fest gemeinsam mit einem Umzug veranstaltet.

Auch hörte ich, dass die Sachsen ihren Urzelnbrauch bis 1941 feiern konnten, danach war er verboten. 1965 sind in Deutschland, in Sachsenhausen einige Agnethler in ihrer Urzelnkleidung auf die Straße gegangen, was sie seit damals jährlich wiederholen.

Am 01.02.1978 wurde die Urzelnzunft Sachsenheim als Gastzunft und am 17.01.1987 als Vollmitglied in die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte aufgenommen.

In Agnetheln erzählte man mir, dass daraufhin die Sachsen immer vehementer gefordert hätten, ihren althergebrachten Brauch wieder veranstalten zu dürfen. Letzte Einwendung in der Rathaussitzung soll gewesen sein: Wenn die Sachsen verkleidet und mit Masken, peitscheknallend und Schellen läutend durch die Straßen laufen, ob sie dann nicht die Rumänen verfluchen?

1969 war es dann endlich so weit. Der Brauch fand seine jährliche Fortsetzung bis 1992 die große Aussiedlung erfolgte.



Die Zunftladen von den Nachkommen der Zünfte, in ihrer alten Trachten, getragen



wurden von Urzeln durch die Stadt begleitet.



Dabei trugen die Kürschner symbolisch drei ausgestopfte Füchse auf einem Rad, die Schneider ein Kind als Reiter auf einem Pferdchen und die Böttcher Reifen mit Bechern voller Wein.

Zurück zu den Urzeln.



Ihre Kleidung besteht aus weißer Leinwand auf die schwarze Stoffstreifen aufgenäht sind. Ich lies mir sagen, dass es früher bunte Streifen gewesen seien.

Vor dem Gesicht haben sie eine bemalte Drahtmaske, die mit einem Hasenfell verbrämt ist.



Ein Hanfschwanz, eine Quetsche zum halten von Krapfen, eine lange Peitsche zum Knallen und zwei große Kuhglocken am Gesäß befestigt, sind die Ausstattung der Urzeln.

Zusätzlich haben sie noch ein Erkennungszeichen an ihren Masken, damit sich die Mitglieder der Parten finden.



In den ersten Jahren soll es vorgekommen sein, dass beim Peitscheschwingen, wenn der ehemalige rumänische Haus- und Hofbesitzer nach der Enteignung der Sachsen, zufällig zu nahe war, eins gewischt bekommen hat. Dieses als Dank für seine Drangsal, die er der sächsischen Familie zugefügt hatte.



Zur Identifizierung musste nun jeder Urzel sich beim Rathaus anmelden und bekam eine Nummer.



Von rumänischer Seite habe ich erfahren, dass sie nach dem Aufmarsch, einzelne Gruppen die vorbeigingen, von hinterm Tor mit Steinen bewarfen.

Ja, so standen die Dinge in unserer Welt.

Am Sonntagmorgen um 6 war ich bei der Familie Michael Knall beim Einnähen des jungen Herrn Hutter ins Bärenfell.



Richard Winter, erster Parteisekretär der Rumänischen Kommunistischen Partei des Kreiskomitees von Hermannstadt, hatte den Agnethlern ein neues Bärenfell spendiert, dass zum Tanzbärenanzug umgearbeitet worden war. Das alte Bärenfell hatte wahrscheinlich die Zeitspanne 1941-1969, als die Brauchtumsveranstaltung verboten war, nicht gut überlebt.

Die Volkskundlerin und Kunsthistorikerin Dr. Roswith Capesius kam auch dazu. Sie freute sich besonders, dass sie mich hier antraf, da sie meine Arbeiten kannte.

Sie versprach mir, ihr schriftlich festgehaltenes Material zur Verfügung zu stellen. Ein Jahr später besuchte sie mich zu Hause und ich konnte ihr meine Dia-Tonmontage vorführen, wo ich einige Sätze aus ihrem Manuskript mit ihrem Einverständnis eingebaut hatte.



Am Stadtrand versammelte sich der Festzug



während die Organisatoren die Bürgermeisterin und angereiste Parteifunktionäre begrüßten und ihre Aufwartung mit Krapfen und Wein machten. Dabei kam es zur Sprache, dass es diesmal 1980 eine Rekordzahl an Urzeln gäbe, da sich am Vortag 503 angemeldet hatten.

Vom Stadtrand ging es mit Blasmusik vor das Rathaus.



Schuldirektor Heinrich Oczko hielt die Ansprache in Rumänisch



und danach in Deutsch. Es folgte das Siebenbürgerlied und danach die Vorführungen der einzelnen Nachkommen der Zünfte.



Danach entfernte sich der Umzug und löste sich auf. Die Gruppen gingen Schellen läutend und peitschenknallend zu ihren Angehörigen, sagten in Mundart ihren Spruch und wurden zu einem Glas Wein eingeladen. Ich war bei zwei Besuchen dabei.

Am Abend fand in Häusern wo es genügend Platz gab, das berühmte Urzelkrautessen statt, das bis tief in die Nacht hinein dauerte.

Meine 3 Filme waren verschossen und ich fand eine Mitfahrgelegenheit, die mich nach Kronstadt brachte.

Am Tag darauf entwickelte ich die Diafilme, war aber traurig, dass keine Sonne geschienen hatte wodurch die schwarze Kleidung nicht richtig zur Geltung kam.

Kurz darauf habe ich die Dia-Tonmontage zusammengestellt. Meine 12jährige Tochter übernahm stolz die Rolle der Sprecherin. Danach fuhr ich nach Agnetheln, wo ich meine Vorführung machte.



Die Begeisterung im Saal war enorm.
„Sie müssen wieder kommen. Meine Leute müssen das auch sehen!“

Ich scheute keine Mühe, nahm noch einen Urlaubstag und kam mit meinen Dia-Tonmontagen wieder nach Agnetheln wo mich ein begeistertes Publikum erwartete.



Vor einigen Tagen, als ich Recherchen für meine Homepage machte, stieß ich zufällig auf Herrn Michael Knall (86 Jahre). Er fragte mich gleich, ob man nicht den Film, den ich in Agnetheln gezeigt habe, ausleihen könnte.

Es tat gut auf eigene Spuren zu stoßen und festzustellen, dass der Wind sie, nach fast 30 Jahren, nicht verweht hat.

Diese Dia-Tonmontage war mein Flaggschiff in Siebenbürgen und Deutschland wenn ich meine Vorträge über Fastnachtbräuche in Siebenbürgen vorführte.

In Sachsenheim bin ich 1984 gewesen. Dabei habe ich die Musik, die ich in Agnetheln bei den Reifenschwingern aufgenommen hatte, spontan über die Verstärkeranlage bei den Vorführungen der Reifenschwinger auf der Bühne erklingen lassen, was mit Freuden und Nostalgie angenommen wurde.

Mitte 1980 habe ich Fastnachtsbräuche in Überlingen besucht, wo auch Fleckenanzug aber mit einer anderen Maske getragen wird.

Auch in Rottweil bin ich dem Brauch nachgegangen, wo ich das Pferdchen gefunden habe.


Schön wäre es, wenn dieser Brauch weiter bestehen würde, auch dann, wenn wir, die Erlebnisgeneration, nicht mehr sein werden. Die Chancen dazu stehen gar nicht schlecht.



Am 17. Februar 2007 war ich beim Fastnachtsumzug der Urzeln in Deutschland dabei.

Ich schäme mich nicht zu schreiben, dass mir öfter die Tränen geronnen sind.


Mehr in www.urzelnzunft.de

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Meinen Dia-Vortrag, mit Originalton vor Ort, habe ich auf DVD gebrannt.

Er ist ein einmaliges Zeitdokument 850jährigen auslandsdeutscher Kultur, die im Auflösen begriffen ist.


Informationen bei

   E-Mail: Wilhelm.roth@gmx.de

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