
Touristen
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Ostgoten
Die Bezeichnungen Ost- und Westgoten hatten sich in meinem Bekanntenkreis für Ossis und Wessis eingebürgert.
Mitte der fünfziger Jahre verbreitete es sich wie ein Lauffeuer
durch Kronstadt: - Eine Gruppe DDR Touristen sind im Hotel Krone!
Nichts wie hin.
Was sprachen die für ein deutsch?
In der Deutschen Welle, Bayern, RIAS Berlin, Radio Luxemburg
welche wir durch den "Eisernen Vorhang" hörten, war ein solches
Deutsch nicht zu hören. Aber dieses? Und dennoch klang es wie Musik
in unseren Ohren, das sächsisch der DDR Bürger.
Im Gesprächen stellten wir immer wieder fest, dass kaum einer von ihnen
eine Ahnung von unserer Existenz hatte. Die rumänischen Reiseleiter
welche die Gruppen betreuten, wussten meistens auch kaum was über uns.
Da muss Abhilfe geschaffen werden.
Zwischen Arbeit und Schule machte
ich oft einen Sprung in die Schwarze Kirche, wo ich manchmal Ostgoten
(wie wir die DDRler nannten) vorfand. Durch die Vorträge von Sachsengeschichte des
Prof. David gewappnet konnte ich manchem das Interesse an uns öffnen.

Bis zum Weißen Turm, zwecks Stadt fotografieren und zum Katharinentor,
reichte die Zeit. Dort musste ich mich dann verabschieden, empfahl
ihnen aber noch einen Spaziergang über die Burgpromenade.
Selbstverständlich habe ich für diese Führungen nie etwas angenommen.
Es war schön der Gebende zu sein.
1967 übernahm Marianne als Angestellte des Tourismusverbandes ONT (Oficiul National de Turism)
die Betreuung von DDR Jugendtouristen in der Poiana Brasov, zu deutsch
Schulerau. Ein Bergplateau nahe von Kronstadt auf 1.000m Höhe an
das ein Berggipfel von fast 2.000 m grenzt.

Wenn sie die Gruppen per Bus vom Bukarester Flughafen abholte war immer
die erste Frage: -"Wieso sprechen sie so gut deutsch?" - Darauf ihre
Antwort: "Mit der Muttermilch eingesogen."
Die Arbeitsstelle in der Schulerau war der richtige Ort, an dem wir uns zu
zweit ansetzen konnten um den Ostgoten mit dem Löffelchen Interesse
an Siebenbürgen und uns Siebenbürger Sachsen einzuflößen.
Wir stellten Fahrverbindungen zu unseren Dörfern mit den wunderbaren
Kirchenburgen zusammen, mit denen wir die Interessenten ausrüsteten.
Begeistert erzählten sie uns dann was für ein freundliches, offenes
Entgegenkommen unserer Landsleute sie erfahren hatten. So hat sich
manche anhaltende Freundschaft zwischen unseren Sachsen und den Ostgoten
entwickelt.

Jugendliche in Zeiden im Gespräch mit der Pfarrerstochter.
Ein Tourist sagte einmal zu mir: "Als ich von daheim abflog,
kannte ich nur die Namen Poiana Brasov und Omul weil der 2500m hoch ist,
eine Höhe auf die ich bis jetzt nicht die Möglichkeit hatte zu steigen.
Durch Sie hat sich mir eine völlig neue Welt eröffnet: Siebenbürgen. Ich werde
meinen Freunden und Bekannten davon berichten. Ich bin ihnen sehr dankbar."

Als Privatreisen möglich wurden, kamen viele mit ihren Freunden wieder.

und sie kamen und kamen.
Wo immer sie auch hinkamen wurden sie mit offenen Armen aufgenommen.
30 Jahre später erzählte mir eine sächsische Pfarrersfrau hier in
Deutschland, dass sie eine Zeit nicht mehr wusste, wie sie die vielen,
die in ihrem Pfarrgarten zelteten, füttern sollte.
Der rumänische Staat schob aber bald einen Riegel vor. Nur Verwandte
ersten Grades durften bei Privatpersonen übernachten. Mancher
Siebenbürger hat dann eine saftige Strafe gezahlt weil er der
Verordnung nicht Folge geleistet hatte.
Hinzu kam das Gesetz 23 das jeden
Staatsbürger verpflichtete jedes Gespräch mit einem Ausländer, egal ob
verwandt oder nicht, ob Ost oder West, seinem am Arbeitsplatz
Vorgesetzten binnen 48 Stunden schriftlich zu melden. Das war eine
Maßnahme die besonders hart die Minderheiten Rumäniens traf.
Ich will nicht behaupten, dass wir zwei die Urheber dieser dann zur
Lawine angewachsenen Situation waren. Wesentlich ist, das wir erkannt
haben an einer sensiblen Stelle zu sein, an der wir unseren Einfluss
einbringen konnten.

Jugendtouristen aus Thüringen
Unser Tun und Handeln ging von der Tradition aus, das wir Deutsche, die vor 800
Jahren den deutschen Binnenraum verlassen hatten, immer Kontakt mit unserer
Urheimat gehalten haben.
Wir, die wir nun seit Jahren im Osten abgeschnitten waren, trugen in
unseren Herzen das Bedürfnis der Wiederbelebung. An dieser Stelle konnten wir inoffiziell
unser Scherflein zur Bildung von Kontaktaufnahmen unter einem Deckmantel beitragen.
Wir waren nicht die Einzigen die es taten, viele andere Siebenbürger Sachsen handelten
instinktiv ebenso wie wir. In der folgenden Zeit wurden auch Ehen zwischen Siebenbürgern und
Mitteldeutschen geschlossen.
Diese Eigeninitiative, die wir damals in einem chauvinistisch-
nationalistisch- kommunistisch geprägtem Staat eingegangen sind, war ein
erhebliches Risiko für unsere Familie.
Wir sind nicht ausgegangen um
Rumänien zu schädigen, sondern haben, dem Instinkt eines ungeschriebenen
Gesetzes, des Überlebenskampfes der Minderheit, der wir angehörten,
Folge geleistet.
Als der eiserne Vorhang fiel, habe ich Post aus der DDR erhalten, in der man
mich um Adressen von Landsleuten in Rumänien bat, denen ehemalige
Touristen helfen wollten.
Ich kann sagen: unser Bestreben, mit unserem Beitrag eine breite Brücke
zu bauen, ist aufgegangen.
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